Serge Dassault

Serge Dassault

Großes Wirtschaftsunternehmen und Informationsmonopol in einem mit dem Staat als Kunden – mehr Einfluss kann man als Privatperson kaum haben. Serge Dassault wird seine Macht derzeit zum Verhängnis: Untersuchungshaft und Anklage wegen mutmaßlichen Stimmenkaufs.

Serge Dassault war am 19. und 20. Februar 2014 zwei Tage lang in Untersuchungshaft. Grund für die Festnahme war der Vorwurf des Stimmenkaufs in Corbeil-Essonnes, einem südlichen Vorort von Paris, wo Dassault bis 2009 Bürgermeister war und wo er seither Jean-Pierre Bechter als seinen Nachfolger einsetzt, durch diesen aber weiterhin im Hintergrund mitbestimmt. Außerdem gibt es Vorwürfe wegen Geldwäsche mit Geschäften im Nahen Osten – interessant vor allem, weil dort Verhandlungen der Dassault Aviation Gesellschaft ausstehen, bezüglich des Verkaufs französischer Kampfjets des Typs „Rafale“.

In Frankreich spricht man jetzt davon, da im Mai 2014 die nächsten Kommunalwahlen anstehen. Schon in den Jahren 2008, 2009 und 2010 gab es Vermutungen, dass Dassault sich seine Wählerstimmen kaufe. Darüber hinaus kam es zu mehreren Morddrohungen und Erpressungen, deren Spuren in den Libanon führen – zu den Personen hin, die auch von Serge Dassault für einige Geschäfte genutzt wurden. Umso größer ist nun das Interesse, diesen „Sumpf“ an Verquickungen ans Tageslicht zu führen.

Die Rafale (auf deutsch „Windbö“) der Firma Dassault ist das französische Gegenstück zum Eurofighter, der von Deutschland, Großbritannien, Italien und Spanien entwickelt wurde. Beide entstanden zu Zeiten des Kalten Kriegs, ab 1983, um die Kampfflugzeugflotte der NATO-Staaten zu modernisieren.

Der Kampfjet "Rafale" von Dassault Aviation. Quelle: Creative Commons

Der Kampfjet Rafale von Dassault Aviation.
Quelle: Arnaud Gaillard / Creative Commons

Frankreich im Alleingang

Frankreich bestand darauf, den Auftrag an Dassault zu vergeben und mindestens zur Hälfte die Leitung des Groß-Projektes zu übernehmen. Die anderen Staaten akzeptierten das nicht, Frankreich schottete sich damit ab. Darüber hinaus hielt es seinen Entwurf für besser exportfähig. Diese Annahme hatte fatale Folgen: bis heute ist keine einzige „Dassault Rafale“ ins Ausland verkauft worden. Die französische Armee, somit der französische Staat, ist alleiniger Abnehmer für das Produkt. Für die Dassault Group bedeutet diese Fehlkalkulation finanzielle Einbußen. Eine Reduzierung der ursprünglich geplanten Stückzahl von 336 auf 286 – auch aufgrund der Mittelkürzungen für die Armee – war die Folge.

Insgesamt soll die Anzahl der Kampfflugzeuge bis 2025 auf 225 reduziert werden. Soweit die Planung. Defacto besitzt die französische Armee bisher 126 Rafales und hat weitere 180 bestellt. 133 davon für die Luftwaffe und 47 für die Marine. Bis 2018 sollen noch 106 Rafales des Typs „F3R“ für 810 Mio. Euro hinzukommen. Die französischen Medien berichten jedoch nur eingeschränkt darüber.

Freie Medien mit Vorbehalten

Le Figaro, die einzige bedeutende konservative Zeitung in Frankreich, gehört dem Flugzeugbauer und Rüstungsbetrieb Dassault. Die Onlineausgabe der Zeitung begnügt sich mit minimaler Berichterstattung zur Affäre Dassault mittels der Pressemeldungen der AFP. Dassault, sogar als Titelthema anderer Zeitungen, ist im Figaro nur weit hinten als Beiwerk, jedoch nie als großes Thema zu finden.

Der Einfluß, den Le Figaro hat, ist trotzdem beträchtlich. Das Dassault-Imperium schleppt die Zeitung gewissermaßen mit, profitiert von ihr als „Druckmittel“, aber Geld kommt über die Zeitung kaum in die Kassen des Unternehmens. Der Haushalt des Figaro ist nur knapp ausgeglichen. Getragen wird er vor allem durch den wirtschaftlichen Erfolg in den anderen Bereichen des Dassault-Unternehmens.

Das Lagardère-Imperium arbeitet mit vergleichbarer Logik wie Dassault. Frankreichs Magazinpresse und einige Radio- und Fernsehsender gehören dazu.

Auch Bouygues als Telekommunikationsunternehmen und Baufirma für staatliche Großprojekte profitiert vor allem von staatlichen Aufträgen. Es hält dem aber einen Teil der französischen Medien- und Informationswelt, dessen Eigentümer Bouygues ist, als Druckmittel entgegen.


Arnaud Lagardère, Manager und Chef der Groupe Lagardère, Sohn von Jean-Luc Lagardère, setzt mit den von sich veröffentlichten Videos nicht unbedingt auf’s richtige Pferd. Es ist total Liebe pur: Arnaud und Jade Foret.

Viel Einfluss durch „Peanuts“

Alle drei Familienimperien sind vor allem durch den Boom in der Nachkriegszeit zu viel Geld gekommen und haben später weitere Firmen, insbesondere aber weitere Standbeine in völlig anderen Domänen aufgekauft. So ist es ihnen bis heute möglich, den Staat als Hauptkunden zum Beispiel mit Kriegsmaschinerie zu bedienen, den größten Einfluss jedoch – und gegebenenfalls auch Druck – über an sich kleine Teilbereiche innerhalb ihres Imperiums auszuüben: die Zeitung Le Figaro, den Radiosender Europe 1, den Fernsehsender TF1.

Die Medien sind den Politikern vor allem in Wahlkampfzeiten sehr wichtig. Sie sind Sprachrohr der Regierung. Im Dienste des Staates werden diese Unternehmen von Privatleuten geführt und gelenkt. Auch wenn die Medienanteile dieser Firmen ihren Chefs kaum Geld einbringen, erlangen die Milliardäre Dassault, Lagardère und Bouygues enormen Einfluss durch diese Medien. Das Hauptgeschäft von Dassault, Lagardère und Bouygues liegt jedoch jeweils in anderen Bereichen.

Privatsphäre und politische Machenschaften

Durch diese Abhängigkeiten untereinander kommt es zu einer Beeinflussung der Politik durch einzelne Privatpersonen sowie eine unfreie Berichterstattung in den Medien, denn diese wiederum müssen der Politik nach dem Munde reden. Eine regelrechte „Klüngelei“ ist die Folge, die mehr und mehr nach persönlichem Gusto geschieht. Private Kontakte zwischen hohen Politikern und den Firmenchefs sind nur eine Äußerung dieser Mauscheleien: Martin Bouygues ist Trauzeuge von Nicolas Sarkozy und dessen erster Frau, Cécilia Attias, und Pate eines Sohnes von Nicolas Sarkozy.

Die Vermengung von Politik, Regierung und Wirtschaft führt aber auch leicht zu fragwürdigen Handlungen. So berichten Medien über bestimmte Vorgänge oder Ereignisse nicht oder kaum. Und die Politik trifft sonderbare Entscheidungen, die nur zu verstehen sind, wenn man die Verquickungen von Wirtschaft und Politik näher kennt: Die französische Regierung wollte trotz der Vorwürfe des Stimmenkaufs und der Geldwäsche – aus taktischen Gründen – die politische Immunität von Serge Dassault nicht aufheben. Er selbst bestand darauf, dass sie ihm entzogen würde.

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Dassault

Das Dassault-Imperium ist ein Familienunternehmen. Gründer ist Marcel Dassault (*1892 als Marcel Bloch, † 1986), der Vater von Serge Dassault (*1925). Er war einer der ersten Studenten und Ingenieure der Luftfahrtindustrie in Frankreich.

1917 Gründung der ersten eigenen Firma, die im Ersten Weltkrieg über 1000 Flugzeuge an die Streitkräfte liefert.

1937 Ernennung zum Vorstandschef der neu gegründeten staatlichen Gesellschaft SNCASO. Durch den Zweiten Weltkrieg enormer Erfolg: aus 1700 Mitarbeitern 1937 werden 7000 Mitarbeiter 1940.

Ab 1940 Mehrfach Festnahme von Marcel Bloch durch die Vichy-Regierung; 1944 Deportation ins KZ Buchenwald; Befreiung im April 1945. Den Kommunisten Albert Baudet, der Blochs Freilassung erwirkte, machte Marcel Bloch später zum Abteilungsleiter des Magazins Jours de France und zahlte als Zeichen seiner Dankbarkeit fortan jährlich Geldbeträge an die Zeitung Humanité.

1946 Änderung des Familiennamens in Bloch-Dassault. Die Umbenennung von „Bloch“ zu „Dassault“ geschieht in Anlehnung an den Codenamen „Char d’assault“ („Angriffspanzer“), den Marcels Bruder, Darius Paul Bloch, in der Résistance, der französischen Widerstandsbewegung, benutzte.

1947 Blochs bzw. Dassaults Gesellschaft Hersteller der ersten Düsenjets der französischen Armee: Ouragan, Mystère II, Mystère IV, Super-Mystère B-2, Mirage III und Mirage IV und der Passiermaschinen des Typs Falcon.

1949 Änderung des Familiennamens in Dassault.

1950 Konvertierung vom jüdischen zum katholischen Glauben.

Hergé wurde von Marcel Dassault und dem Dassault Falcon zu seiner Comic-Figur des "Laszlo Carreidas" in den Tim und Struppi-Abenteuern inspiriert.

Hergé wurde von Marcel Dassault und dem Dassault Falcon zu seiner Comic-Figur des « Laszlo Carreidas » in den Tim und Struppi-Abenteuern inspiriert.

Ab 1951 Serge Dassault Ingenieur in der Firma seines Vaters.

1950er Jahre Marcel Dassault Abgeordneter der französischen Nationalversammlung für das Département Alpes-Maritimes und Senator im Département Oise.

1954 bis 1989 Marcel Dassault Herausgeber der Zeitschrift Jours de France.

1971 Kauf des französischen Flugzeugbauers „Société anonyme des ateliers d’aviation Louis Bréguet“, Umbenennung in „Avions Marcel Dassault-Bréguet aviation“ und 1990 zu „Dassault Aviation“.

1980 Gründung der IT-Firma Dassault Systèmes, die zur Groupe Dassault gehört.

1986 Tod von Marcel Dassault.

1987 Serge Vorstandsvorsitzender und Direktor der Dassault Industries, der heutigen Groupe Dassault.

1992 bis 1995 Serge Dassault wird Regionalrat der Ile-de-France, der Region Paris.

1994 Serge Dassault Generalberater in Corbeil-Essonnes; von 1995 bis 2009 dort Bürgermeister.

2004 Serge wird Mitglied im französischen Senat für die UMP, tritt gleichzeitig vom Amt des Generalberaters in Corbeil-Essonnes zurück. Er wird Chef der Mediengruppe Socpresse, Inhaber von Le Figaro, seit 2011 auch des Magazins Jours de France, sowie des Fußball-Vereins Football Club de Nantes.

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Dassault ist nicht allein: Medien und Rüstung sind auch das Erfolgsrezept von Lagardère

Die Groupe Lagardère ist heute in erster Linie ein Medienunternehmen, das vor allem in der Literatur und der landesweiten Verteilung der Presse tätig ist. Ihr gehört unter anderem die Gruppe Hachette Filipacchi Médias (HFM), Herausgeber insbesondere der französischen Magazinpresse, wie ELLE und Paris Match, sowie das Pressedistributionsunternehmen Presstalis und die Virgin Stores und Virgin Megastores in Frankreich. In der regionalen Tagespresse gehörten bis 2007 die Gruppe Nice Matin und die Tageszeitung La Provence dazu.

Ursprünglich war Lagardère ebenfalls ein Rüstungsbetrieb: „Mécanique Aviation TRAction“ (Matra) wurde 1941 als Rüstungsunternehmen gegründet, war später auch in der Raumfahrttechnik mit Satelliten und in der Automobilindustrie tätig. 1977 wurde Jean-Luc Lagardère neuer Geschäftsführer und kaufte zahlreiche andere Firmen und Firmenanteile dazu. Das ermöglichte eine sehr breite Aufstellung des Unternehmens in der Luft- und Raumfahrttechnik (bis 2013 EADS), Automobilindustrie (Renault) und den Medien allgemein (HFM, Presstalis, La Cinq, Europe 1, Sender Gulli, Canal+).

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Dassault, Lagardère …und Bouygues

Ein drittes Beispiel ist das Imperium der Familie Bouygues.

Martin Bouygues, Geschäftsführer des Bouygues-Imperiums. Quelle: Orteilles / Creative Commons

Martin Bouygues, Geschäftsführer des Bouygues-Imperiums.
Quelle: Orteilles / Creative Commons

Von Francis Bouygues 1946 gegründet, wird das Unternehmen mit Schwerpunkt im Baugewerbe heute von Francis‘ Sohn, Martin, geführt. Die Tätigkeiten erstrecken sich von staatlichen Großprojekten wie der Nationalbibliothek François Mitterand in Paris, dem Eurostar-Tunnel unter dem Ärmelkanal, dem Stade de France in Paris, dem Arche de la Défense in Paris, über viele Unternehmungen im Ausland, wie dem Bau von Ölplattformen, des Kongresspalastes in Hong Kong oder der Moschee Hassan II in Casablanca, bis hin zu einer der wichtigsten Baufirmen vor allem in Turkmenistan.

Zum Bouygues Unternehmen gehören darüber hinaus auch die Bouygues Telecom, Frankreichs drittgrößter Mobilfunkanbieter; sowie die Gruppe TF1, Frankreichs größter, ehemals staatlicher Fernsehsender, mitsamt allen ihm unterstehenden Sendern und LCI, La Chaîne Info, einem von Bouygues gegründeten Nachrichtensender. Auch die Firma Colas wurde von Bouygues aufgekauft; sie ist im Autobahn- und Straßenbau tätig.

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